Jeder Schritt fällt schwer und die Beine brennen. Das Ziel knapp vor Augen komme ich ihm dennoch nicht wirklich näher. Mit jedem Schritt sinke ich jeweils tief im Sand ein und rutsche auch gleich wieder einen halben Schritt die steile Düne herunter. Mein bis dahin noch selten benutztes Stativ kommt nun als etwas schwerer Wanderstock zum Einsatz. Gerade noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang erreiche ich den “Gipfel” der Düne – am Ende meiner Kräfte und auch schon dehydriert. Die Strapazen der Anfahrt sind definitiv nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Und so befinde ich mich in einer körperlichen Verfassung, wie ich sie hier am gefühlten Ende der Welt und ohne Handyempfang eigentlich vermeiden wollte. Nach über 3’000 km mit dem Velo bin ich in der Sahara angekommen und stehe inmitten einer der beeindruckendsten Landschaften, welche ich je gesehen habe. Irgendwie kann ich es selbst nicht ganz fassen, vielleicht bin ich auch einfach zu müde dafür. Neben Freude über das Erreichte – habe ich doch über ein Jahr von diesem Moment geträumt, breitet sich jedoch bald Enttäuschung aus. Um eine so unberührte Dünenlandschaft wie möglich aufzusuchen, bin ich in eine möglichst abgelegene Gegend gefahren. Dennoch durchziehen überall Spuren von 4×4-Autos den Sand. Erschöpft packe ich meine Kamera aus und versuche dennoch ein paar Ausschnitte ohne all zu viele 4×4-Radspuren zu finden.
Vom letzten kleinen Laden musste ich Essen und Trinken für zwei Tage über 60 km mitschleppen. Doch irgendwie leeren sich die Wasservorräte gefährlich schnell und ein Grossteil der über 4 L an Trinken ist bereits aufgebraucht. Zu gerne würde ich nun eine oder gleich zwei Packungen Kekse gegen Trinken eintauschen. So aber muss ich durstig in den Schlafsack schlüpfen und es kommt, wie es kommen musste: Mitten in der Nacht wache ich mit einem Krampf im Bein auf. Der Krampf ist äusserst hartnäckig. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuche ich die betroffenen Muskeln zu dehnen, was leider nicht wirklich gelingt. So krieche ich ausgesprochen vorsichtig aus dem Zelt, wobei sich die Bauchmuskeln beinahe auch noch zusammenziehen. Aussen angekommen, heisst es erst einmal vorsichtig aufstehen und tief durchatmen. Ein paar Schritte im nun kühlen Sand scheinen Wunder zu wirken und der Krampf verschwindet. Elektrolyttabletten hätte ich noch eine ganze Packung dabei, aber mit zu wenig Wasser nützen sie mir in dem Fall herzlich wenig… Einen kleinen Schluck Wasser gönne ich mir dennoch und hoffe, dass dieser ausreicht, damit der Krampf nicht wieder kommt.
Bis zum Klingeln des Weckers schlafe ich erstaunlich gut. Noch im Dunkeln mache ich mich auf den Weg in Richtung der grössten Düne und erhoffe mir neue Ausblicke bzw. Perspektiven zum Fotografieren.
Auf der Rückfahrt in die Zivilisation nehme ich mir dann vor, alle 10-15 km etwas zu trinken und vor allem den Mund geschlossen zu halten sowie möglichst viel durch die Nase zu atmen. Erleichtert nehme ich die zuerst nur schemenhaften Umrisse der Siedlung war. Nur noch 10 km bis zur nächsten Wasserflasche! Doch schon im Aussenbezirk der Ortschaft entdecke ich am Strassenrand einen kleinen Stand, der frisch gepressten Limettensaft anbietet. Sofort halte ich an und gönne mir davon ein Glas – richtig erfrischend! So habe ich gleich bei meinem ersten Ausflug in die Wüste die lebensfeindlichen Bedingungen an der eigenen Haut zu spüren bekommen. Nach diesem Erlebnis finde ich es umso faszinierender, wie unter diesen Umständen einige Pflanzen- und Tierarten überleben können.
Da mir auf dem Rückweg noch ein paar neue Bildideen gekommen sind, entschliesse ich mich, nochmals in das Gebiet zurückzukehren – nun jedoch mit 7 L an Flüssigkeit.
Je näher der Äquator ist, desto kürzer ist die Goldene «Stunde». Diese dauert ganz zu meinem Leidwesen als Fotograf in der Sahara in Marokko zurzeit gerade einmal knapp 30 Minuten. Dafür verändert sich das Licht zu Sonnenuntergang (und -aufgang) extrem schnell.
Die Stille in der Nacht in der Wüste ist magisch. Es ist fast schon gespenstisch still. So still, dass ich die Rennmäuse über den Wüstensand rennen hören kann. Zu Beginn der Nacht ist es jeweils angenehm warm, kühlt dann jedoch rasch ab, sodass es morgens frisch ist und ich in der Thermounterwäsche und Daunenjacke auf Fotopirsch gehe.
Mit dem Gravelbike, dem über 30-kg-schweren Gepäck und den – für sandige Gegenden eher schmalen – 42 mm breiten Reifen ist das Vorwärtskommen auf den Pisten eine echte Herausforderung. Bei etwas Sand und Steinen ist voller Fokus und Geschicklichkeit gefragt, bei tiefem Sand sehr anstrengendes Schieben. Da ich jedoch die allermeisten Kilometer meiner Tour auf der Strasse absolviere, muss ich dies im Trade-off zwischen Vorwärtskommen auf der Strasse und auf den – relativ zur Gesamtstrecke – kurzen Pistenpassagen in Kauf nehmen. Und bisher hat das ARC8 Eero einen super Job getan: Über 3500 Kilometer bis in die Sahara ohne auch nur einen einzigen Defekt. Zudem verbessere ich zumindest gefühlt mit jedem zurückgelegten Kilometer auf den sandigen Pisten meine Fähigkeiten und komme schon beinahe in einen Flow über die holprigen Pisten.
Im Gegensatz zu mir gibt es wahre Wüstenspezialisten, welche mich wahrscheinlich auslachen, wenn sie mich im Sand umherrutschen oder dann schweisstriefend das Bike schieben sehen. Eine der Arten, welche besonders flink über den Sand laufen kann, ist die Wüstenläuferlerche. Aufgrund ihres Namens muss ich sie ja fast mögen, laufe ich selbst gerne und bin begeistert von der Wüste. Dummerweise ist sie allerdings auch besonders gut darin, mir davonzulaufen. Deshalb habe ich eine Weile gebraucht, bis ich sie endlich aus der Nähe und bei passablem Licht fotografieren kann.
Getreu ihrem Namen läuft bzw. rennt die Wüstenläuferlerche über die Dünen in der Sahara.
Andere Wüstenspezialisten, welche bei mir weit oben in der «Wunschliste» stehen, sind die Flughühner. Jeden morgen suchen sie im Schwarm nach einer geeigneten Wasserstelle. Um sie zu fotografieren, bin ich ausnahmsweise für einmal mit Guide unterwegs. Der Guide hat eine geeignete Wasserstelle erstellt, welche er direkt nach unserer Ankunft mit Wasser füllen kann. Während wir warten, steigt meine Anspannung, ob die Flughühner die Wasserstelle auch heute auf die Schnelle finden. Zuerst vernehmen wir den Ruf der Flughühner. Die Rufe werden immer lauter. Irgendwann fliegt der Trupp über unsere Köpfe hinweg. Dieses Schauspiel wiederholt sich mehrmals, sie scheinen die Wasserstelle zu inspizieren. Bei mir kribbelt so langsam aber sicher der Zeigefinger, doch den Auslöser betätigen kann ich noch nicht. Die Flughühner ziehen mir sozusagen den Speck durch den Mund mit ihren Überflügen. Im ungünstigsten Moment entdeckt dann auch ein halb wilder Esel die Wasserstelle und stillt daran seinen Durst. Dieser dumme Esel! Zum Glück trinkt er die Wanne nicht gleich leer. So bleibt noch Wasser darin und somit auch meine Hoffnung auf die Flughühner intakt. Kurz darauf landen diese erneut in der Gegend. Zu Fuss nähern sie sich der Wasserstelle.
Immer wieder halten die Kronenflughühner inne und inspizieren die Gegend.
Nun endlich sind sie ganz nah und meine – zugegebenermassen nicht allzu grosse Geduld – wird nicht länger auf die Probe gestellt. Im Vordergrund befindet sich das Männchen, gefolgt vom Weibchen.
An der Wasserstelle angekommen, trinken sie gierig und verlassen sie so schnell es geht wieder. Hat es gefühlt Stunden gedauert, bis sie an der Wasserstelle sind, so sind sie meist nach wenigen Sekunden wieder weg und entschwinden in die Weiten der Sahara. Beim Trinken und Verlassen der Wasserstelle scheinen sie in ungefähr gleich geduldig zu sein wie ich, wenn ich das Gefühl habe, dass es bald ein paar ansprechendere Aufnahmen geben könnte.
Während den Wanderungen in den Dünen habe ich bereits mehrfach die Spuren eines der wohl bekanntesten Tiere der Sahara gesichtet. Den Fennek (oder Wüstenfuchs) selbst noch in der Dämmerung zu finden, ist allerdings schwierig. Nachdem ich mit dem Velo in die Sahara gefahren bin, möchte ich nun nicht so kurz vor dem Ziel scheitern und habe deshalb einen Foto-Guide kontaktiert. Aufgrund der vielen Fotos auf seinem Insta-Account träume ich bereits von tollen Fennek-Fotos. Allzu schwierig sollte dies mit dem Guide ja nicht sein… Tatsächlich findet der Guide den ersten Fennek rasch.
Dank der charakteristischen grossen Ohren kann der Fennek nicht nur die Mäuse in grosser Entfernung in den Weiten der Wüste aufspüren, sondern sich auch besser abkühlen. Ganz praktisch, die multifunktionalen Ohren.
So schnell der Guide den Fennek gefunden hat, so schnell macht sich dieser leider auch aus dem Staub und verschwindet hinter den nächsten Dünen. Wir finden den ganzen Abend kein zweites Individuum. Da wir am zweiten Abend nicht einmal einen Fennek zu Gesicht bekommen, sind diese Doku-Fotos leider auch gleichzeitig meine besten. Im Vorfeld habe ich mir einiges mehr erhofft, insbesondere nach den vielen tollen Bildern, welche ich vom Guide in den Sozialen Medien gesehen habe. Dadurch sind die Fennek-Touren bislang zu meiner grössten Enttäuschung während des Velomad-Projekts geworden – zu sehr habe ich schon von besseren Fotos geträumt. Dies zeigt für mich auch auf, wie schnell ich mich aufgrund von Bildern im Internet bzw. den Sozialen Medien beeinflussen lasse beziehungsweise meine Ansprüche in die Höhe schraube. Auf Anhieb kann nicht alles funktionieren, auch wenn man noch so sehr möchte und man dafür über 3000 Kilometer mit dem Velo zurückgelegt hat.
Genau zum Gegenteil der Fennek-Touren avanciert die Tour mit Valentin, Demian und Milan, welche auf ihrer Reise durch Marokko auf der Suche nach seltenen Säugetieren in der Sahara einen Zwischenstopp eingelegt haben. Nach einem Monat unterwegs habe ich mich sehr gefreut, wieder einmal ein paar Kollegen zu sehen. Gemeinsam klappern wir leere Wassertanks auf der Suche nach Tieren ab, welche in diese gefallen sind und denen nun ein brutaler Hitze bzw. Hungertod droht. Sobald man bzw. das Tier einmal hineinrutscht, ist herauskommen ohne Hilfe so gut wie unmöglich – ausser man verfügt über die Parcour-Skills von Milan.
Wobei ich ehrlich gesagt gestehen muss, dass ich mich zuerst nicht so richtig runter in die Tanks getraut habe und dafür geholfen habe, die Kollegen wieder herauszubringen. 😉 Meistens finden wir allerdings nur noch die Überreste bzw. Kadaver der Tiere, vereinzelt noch ein paar Rennmäuse. Auf einmal schreit Milan Demian an, er solle sofort wegspringen. Gleich hinter Demian’s Fuss schaut der Kopf einer Wüsten-Hornviper hervor. Was für ein Fund – und nach vielen Totfunden endlich einmal wieder ein lebendes Tier. Doch wie bekommen wir die Viper nur aus dem Tank heraus? Nach einer kurzen Besprechung haben wir unseren Plan geschmiedet und wenige Minuten später ist die Viper raus aus dem Tank. Zu meiner Freude sind die Hörner richtig stark ausgeprägt. Anstatt im Tank elendig zu verenden, muss sich die Wüsten-Hornviper dafür noch kurz fotografieren lassen. So ist es eine Win-Win-Situation. Ich als Viper hätte den Deal sicher angenommen 😉
Im nächsten Tank ist es dann auch an meiner Reihe, einmal hinunterzurutschen. Nun finden wir allerdings wieder nur Tierkadaver vor. Die Hitze in den Tanks ist – nicht zuletzt aufgrund der schwarzen Folie – unerträglich. Heraus komme ich ohne Hilfe auch nicht mehr. Schon wenige Minuten darin genügen, um sich vorstellen zu können, wie schnell man bzw. die Tiere dort verenden (würden). So bin ich ganz froh, als ich beim zweiten Anlauf den rettenden Stab zu fassen bekomme und wieder draussen bin. Mir bleibt es ein Rätsel, weshalb diese Wassertanks nicht besser abgesichert werden, sodass keine Tiere hineingelangen können. Eine einfache Blache entlang des Zauns könnte schon Abhilfe schaffen und verhindern, dass viele Tiere (darunter auch etliche Katzen etc.) darin verenden.
Die Begegnung mit der Wüsten-Hornviper ist in den ersten Tagen in der Sahara eines meiner Highlights gewesen, nicht zuletzt weil die Begegnung – ganz im Gegensatz zu jener mit dem Fennek – unerwartet gekommen ist. Die Wüste als Lebensraum der Extreme hat mich schwer beeindruckt und in ihren Bann gezogen. Bis auf die 4×4-Spuren im Sand ist die Dünenlandschaft in echt noch faszinierender, als ich sie mir vorgestellt habe. Nun heisst es, wieder auf das Velo zu steigen, um hoffentlich noch weitere Tiere und Landschaften in der Wüste fotografieren zu können.
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Hallo lieber Flurin, welch umwerfende, unglaubliche und fast betörende Fotos. Ich war auch mal für einige Tage in der tunesischen Wüste. Damals war ich auch so beeindruckt, dass der Wunsch wieder einmal dorthin zu reisen gross war. Deine Fotos nähren den Wunsch auf’s Neue.
Dein Bericht ist ebenfalls klasse, man leidet und freut sich unmittelbar mit dir mit
Tausend Dank und weiterhin eine wunderbare Tour, ohne Gefahren mit tollen Begegnungen
Cilly