Angestrengt halte ich während dem Velofahren Ausschau nach verdächtigen schwarzen Flecken in der Landschaft. Doch bis anhin entpuppen sich alle sehr rasch als Abfall. Gar nicht so einfach, gleichzeitig den Verkehr im Blick zu haben – in Marokko kann jederzeit ein Auto oder gar LKW auf der eigenen Spur entgegenkommen – und nach Tieren zu suchen. Auf dem aktuellen Strassenabschnitt wurden in den Tagen zuvor im Internet noch Sichtungen meiner Zielart gemeldet. Nach mehreren Stunden und über 50 zurückgelegten Kilometern entlang dieser eigentlich vielversprechenden Strecke konnte ich allerdings auch nicht eine einzige flüchtige Beobachtung dieser Vögel verzeichnen. Daher macht sich bei mir langsam, aber unaufhaltsam Ernüchterung breit. Vielleicht war es doch etwas optimistisch, alleine und mit dem Fahrrad eine der seltensten Vogelarten der Welt zu suchen? Zumal ich zwecks Gewicht- und Platzoptimierung nicht einmal einen kleinen Feldstecher dabei habe. Während ich mein Vorhaben immer stärker hinterfrage und mich wundere, wie ich die Vögel auch nur finden soll, entdecke ich in einiger Entfernung über dem Atlantik immerhin Basstölpel. Ganz blind scheine ich also nicht durch die Gegend zu fahren. Und dann tauchen auf einmal zwei schwarze Vögel am Strassenrand auf. Yes, meine Suche nach dem Waldrapp ist doch noch von Erfolg gekrönt! Im sandigen Boden stochern sie mit ihrem charakteristischen roten Schnabel nach Fressbarem.
Auf dem Menüplan stehen diverse Tierarten, von Insekten über Echsen zu kleineren Säugetieren; somit mehr oder weniger alles, was sich bewegt und in den Schnabel passt. Manchmal sträubt sich die Beute jedoch auch gegen den Verzehr. Das stelle ich mir sehr ärgerlich vor, wenn einem das Essen wieder aus dem Mund beziehungsweise Schnabel kriechen möchte 😉
Immer mehr Waldrappe tauchen zwischen der Vegetation auf oder kommen angeflogen.
Vor Jahrhunderten lebten die Waldrappe auch in Süd- und Mitteleuropa. Unter anderem aufgrund des Verlusts an Steppenhabitaten und intensiver Bejagung – Waldrappe galten als Delikatesse – gibt es heute nur noch in Marokko eine kleine wildlebende Population. Dank Schutzmassnahmen wächst Marokko’s Bestand wieder an, von 80 Brutpaaren in den 1980er Jahren auf aktuell über 150 Brutpaare. Dazu gibt es in Europa aufwändige Wiederansiedlungsversuche.
Überraschend erhebt sich die gesamte Gruppe und fliegt davon, vermutlich zu ihrem Schlafplatz in den Felsen. So endet mein erstes Fotoshooting mit den skurril anmutenden Vögeln leider, bevor das Licht so richtig spektakulär geworden wäre. Für mich ist es nun ebenfalls an der Zeit, einen Platz zum Übernachten bzw. eine Unterkunft zu finden.
Am nächsten Morgen brauche ich zum Glück keine 50 km mehr, bis ich die Waldrappe gefunden habe. Nur befinden sie sich in einem geschützten, sprich abgesperrten Gebiet, sodass ich sie nicht wirklich fotografieren kann. Zu meiner Freude fliegen sie jedoch bald auf und landen ausserhalb der abgesperrten Zone. Ich versuche mir den Landeort gut einzuprägen und freue mich, dass ich schon bald mit Fotografieren loslegen kann. Doch scheinbar haben die Waldrappe einen anderen Plan. Obwohl ich eigentlich gesehen habe, wo sie gelandet sind, vergeht gefühlt eine halbe Stunde, bis ich sie wiedergefunden habe. So langsam, aber sicher dämmert mir, weshalb ich sie tags zuvor nicht so schnell gefunden habe…
Wie ich mir gewünscht habe, bedecken heute graue Wolken den Himmel. Das weiche Licht erlaubt es mir, den ganzen Tag zu fotografieren. Somit habe ich länger die Chance, die Waldrappe vor die Linse zu bekommen.
Die dicken Wolken kommen allerdings nicht alleine: Schon bald fallen die ersten Regentropfen vom Himmel.
Die Tropfen werden immer zahlreicher, bis es richtig “schüttet”. Einen derart kräftigen Regenschauer habe ich bis zu diesem Zeitpunkt in Marokko noch nicht erlebt.
Die Aktivität der Waldrappe lässt nun nach, sie scheinen ebenfalls nicht gerade vom Wetter begeistert zu sein.
Nach dem Regenschauer müssen die Waldrappe vor der Fortsetzung des Fotoshootings die Federn richten. Wenn man schon eine Glatze hat, sollten wenigstens die restlichen Federn sitzen.
Wobei die Regenpause nicht lange anhält und es bald schon wieder kräftig regnet. Zum Glück habe ich – entgegen meinem ursprünglichen Plan – mein Basislager in einem Hotelzimmer aufgeschlagen. So habe ich immerhin etwas Platz, um die Kleider zu «trocknen». Wobei dies ohne Heizung oder Föhn etwas vergebene Mühe ist.
Daher ist es keine wirkliche Überraschung, dass die Kleider auch am nächsten Tag noch nass sind. Ich muss mich überwinden, frühmorgens in die nass-kalten Kleider zu schlüpfen und mit dem Velo im Dunkeln loszufahren, anstatt gemütlich im Bett liegen zu bleiben. Doch zum Glück konnte ich den inneren Schweinehund besiegen. Auch heute finde ich die Waldrappe. Je mehr Zeit ich mit den skurrilen Vögeln verbringe, desto besser verstehe ich ihr Verhalten. Immer öfter gelingt es mir, mich so zu platzieren und zu verstecken, dass die Waldrappe direkt auf mich zulaufen.
Mit jedem Schritt, mit dem die Waldrappe näherkommen, steigt meine Anspannung. Ich hoffe, dass sie mich nicht entdecken und vor allem, dass sie nicht auf einmal ihre Laufrichtung ändern. Mein Puls steigt und steigt vor Aufregung. Nur keine falsche Bewegung machen! Zum Glück klappert bei den heutigen Kameras kein Spiegel beim Auslösen und die Waldrappe können das Betätigen der Kamera nicht hören. Daher laufen sie weiterhin auf mich zu. Aus der Nähe ist auch ersichtlich, dass ihr Gefieder alles andere als einfach schwarz ist, sondern in unterschiedlichen Farben schillert.
Oft wird der Waldrapp als hässlicher Vogel verschrien. Doch bei näherer Betrachtung hat der Vogel mit seinen schillernden Farben im Gefieder und dem roten Schnabel bzw. Kopf durchaus etwas Fotogenes.
Abends bricht die Sonne nochmals durch die Wolken, während es immer wieder nieselt, und sorgt für eine spezielle Lichtstimmung.
Auf dem Rückengefieder perlen die Regentropfen ab. Der Körper des Waldrapps bleibt so schön trocken. Da werde ich vor Neid noch blasser, als ich es aufgrund der nass-feuchten Kleider so oder so schon bin.
Die Frisur des Waldrapps kann sich sehen lassen. Wie viele Dirham dieser Schnitt bzw. Besuch beim Coiffeur wohl kostet? Die Preisgestaltung hier in Marokko überrascht mich immer wieder, sowohl im Positiven (z.B. Cremeschnitte in kleinen Läden auf dem Land: 10 Dirham), wie auch Negativen (z.B. wenig Wasser, um das Velo zu putzen: 20 Dirham). Eine meiner grössten finanziellen Überraschungen erlebte ich, als ich letzthin beim Coiffeur 30 Dirham (~ 3 CHF) für das Haareschneiden bezahlt habe. Und dies, obwohl mir noch selten ein Coiffeur so lange die Haare frisiert hat. Allerdings war die Frisur nicht ganz so hip, wie diejenige des Waldrapps 😉
In den Tagen bei den Waldrappen habe ich mich immer wieder gefragt, woher der Waldrapp eigentlich seinen Namen hat. Im Gegensatz zu all den Wüstenvögeln, deren Namen meist sehr zutreffende Bestandteile mit «Sahara» oder «Wüsten» beinhalten, gibt es hier weit und breit keinen Wald zu sehen. Zudem habe ich vergeblich auf eine Rapp-Einlage der Vögel gewartet. Höchstens ein leises Krächzen konnte ich vernehmen. Alles nur Etiketten- bzw. Namensschwindel? Eine Internetrecherche ergibt, dass auf Altdeutsch «rapp» krächzen bedeutet. Nur ist das Wort – wie der Waldrapp selbst in Mitteleuropa – vor Jahrhunderten schon ausgestorben. «Wald» könnte sich auf «wildlebend» beziehen. Dies wurde früher scheinbar öfters so gehandhabt, finde ich allerdings sehr irreführend. Wäre daher einmal Zeit für ein Update des etwas eingestaubten Namens 😉 In Marokko hat der Waldrapp in Halbwüsten überlebt, da hier der Nutzungsdruck und auch die Verfolgung durch Menschen im Vergleich zu anderen Gebieten tief waren. Das Naturschutzprojekt in Marokko ist bis dahin ein Erfolg und die wachsende Population macht Hoffnung, dass der Waldrapp in Zukunft auch wieder in anderen Regionen zu sehen sein wird.
Ich bin auf jeden Fall froh, habe ich einen Umweg zu bzw. einen Zwischenstopp bei den Waldrappen eingelegt. Nach anfänglicher Skepsis bereue ich es auch nicht mehr, dass ich dafür keinen Guide gesucht und gebucht habe. Schlussendlich sind meine Emotionen um ein Vielfaches intensiver, wenn ich nach stundenlangem Suchen und Zweifeln doch noch mein Motiv selbst finde, anstatt das Motiv von einem Guide aus dem Auto heraus auf dem Serviertablett präsentiert zu bekommen. Zudem möchte ich mir für das Projekt Velomad möglichst viele Bilder selbst erarbeiten und die gesamte Strecke – von der Meerenge in Gibraltar abgesehen – mit dem Velo zurücklegen, sodass der ökologische Fussabdruck klein bleibt. Meine Speicherkarten bei den Waldrappen sind zum Glück nicht leer geblieben und ich kann mich mit vielen unvergesslichen Erlebnissen im Gepäck auf die Weiterfahrt in den Norden machen.
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