Wenn der Geruch von Fisch, Schweröl und Algen in der Luft liegt, kann der Hafen nicht mehr weit sein. Dank dem Gekreische der Möwen und mit Hilfe der Nase finde ich rasch den Weg in den Hafen. Das emsige Treiben fasziniert mich sofort. Nach eher einsamen Wochen in der Wüste könnte der Kontrast kaum grösser sein. Dementsprechend beeindruckt versuche ich mir einen Überblick zu verschaffen. Die dutzenden, wenn nicht hunderten, kleine Fischerboote fallen sofort ins Auge. Wie um Himmels Willen gelingt es nur, ein einzelnes Boot aus dem augenscheinlichen Chaos zu lösen?
Ziemlich froh, dass dies nicht meine Aufgabe bzw. mein Problem ist, tauche ich tiefer in eine für mich unbekannte Welt ein und sauge die Stimmung auf. Die Fische werden direkt vor Ort verarbeitet.
Fische in allen möglichen Formen und Grössen werden präsentiert und zum Verkauf angeboten.
Als eher wasserscheue Person und mit einer Vorliebe für terrestrische Ökosysteme habe ich von den ausgestellten Fischen lebendig natürlich noch keinen einzigen gesehen. Dank dem Fischmarkt erhalte ich so ganz ohne schwimmen oder tauchen zu müssen einen Einblick in diese für mich ansonsten verborgene Welt. Wirklich erstaunlich, was alles für Fische im Atlantik umherschwimmen!
So langsam aber sicher werde ich beim Anblick der Fische hungrig und neugierig: Wie die frischen Fische wohl schmecken? Beim nächsten Stand versuche ich mein Glück. Als ich den Preis auf die Hälfte des Anfangspreises gedrückt habe und noch eine Handvoll Crevetten dazubekomme, schlage ich zu. Der Rauch von den Grillstellen kündigt schon von weitem an, in welchen Lokalen ich meinen Fang des Tages grillieren lassen kann. Meine Freude über die Ausbeute vom Fischmarkt währt allerdings nicht all zu lange. Der gegrillte Fisch schmeckt mir nur bedingt und das Schälen der Crevetten erweist sich als sehr mühsam – nichts für hungrige (und ungeduldige) Mäuler. So habe ich immerhin etwas Neues probiert, aber auch meine Lektion gelernt: Ich bleibe lieber bei Tajine als gegrilltem Fisch 😉
Nach dem etwas enttäuschenden Fisch ist es Zeit für etwas Bewährtes: Patisserie Marocaine. Bei Cornes de Gazelles und anderen Leckereien ist der Ärger über die Crevetten schnell vergessen. Frisch gestärkt kann ich meine Erkundungstour durch den Hafen fortsetzen. Auf einmal kommt Hektik auf: Fischer bringen in einem Karren gleich mehrere Haie an Land. Ich versuche, mit etwas Abstand der Gruppe zu folgen. Den grössten Hai laden sie bald ab, ich halte nun ebenfalls an. Einen Hai von der Grösse habe ich noch nie gesehen. Der Aufregung nach zu schliessen vermute ich, dass dieser Fang auch hier nicht alltäglich ist. Möglichst unauffällig versuche ich ein paar Fotos zu schiessen, bevor der Hai in Einzelteile zerlegt ist. Beim Anblick des Hais in der dreckigen Sauce am Strassenboden vergeht mir kurzzeitig der Appetit auf weitere «kulinarische» Abenteuer. Lag mein Fisch vom Mittagessen auch so auf dem Strassenboden?!
Von der Aufregung gänzlich unbeeindruckt döst eine Strassenkatze in der Nähe auf einer rostigen Kiste vor sich hin. Wie überall in den Städten Marokkos kommen sie auch hier sehr zahlreich vor. Im Hafen gibt es immer wieder Fischreste, von denen sie sich ernähren können.
Tiefenentspannt hat sich diese Katze inmitten der Promenade ausgebreitet.
Schon bald einmal ziehen allerdings die Vögel in und um den Hafen meine Aufmerksamkeit sich. Unbemerkt von den meisten Touristen hoffen sie ebenfalls auf einen guten Fang. Manchmal lauern sie den Fischen auch von Fischerbooten aus auf.
Zuerst zögere ich damit, mein grosses Teleobjektiv inmitten des Trubels auszupacken, da ich nicht unnötig Aufmerksamkeit auf mich ziehen möchte. Nach ein paar Minuten ist die Versuchung allerdings zu gross und ich hole das Objektiv aus dem Rucksack hervor.
Die Seidenreiher sind derart auf das Fischen fokussiert – und sich die vielen Leute auf dem Gehsteig gewohnt – dass sie sich von mir nicht stören lassen. Mit etwas Geduld ergeben sich dadurch neue Perspektiven zum Fotografieren.
Blitzschnell stösst der Seidenreiher seinen Schnabel ins Wasser und schon zappelt ein kleiner silbriger Fisch darin.
Das Fischchen hat kaum die Grösse einer meiner geliebten Crevetten. Im Gegensatz zu mir stellt sich der Seidenreiher wesentlich geschickter an und verspeist die Beute mit einer gekonnten Schnabelbewegung in Windeseile – kein Vergleich zum mühsamen Schälen der Crevetten bei mir. Dadurch kann der Seidenreiher schon Sekunden später dem nächsten Fisch auflauern. Bei der Grösse der Beute kann ich gut nachvollziehen, widmet er sich bereits dem nächsten Häppchen.
Währenddessen verfolgt eine Mittelmeermöwe gespannt das Spektakel.
Die Stadt gefällt mir so gut, dass ich mich dazu entschliesse, gleich mehrere Tage in Essaouira zu verbringen. Noch vor wenigen Wochen hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich derart Freude habe, eine Stadt zu erkunden. Nach der Zeit in der Wüste geniesse ich es richtig, wieder etwas unter den Leuten zu sein.
Aufregender als die bekanntesten Touristen-Hotspots in der Stadt mittels Google Maps anzusteuern ist es allerdings, sich ohne GPS auf Erkundungstour zu begeben.
So biege ich mal links, mal rechts und wieder links ab, immer in der Hoffnung, etwas Spannendes zu finden.
Während der Schmutz auf der Gasse zunimmt, sehe ich immer weniger Touristen, bis ich keine Touristen mehr antreffe. Dafür läuft auf einmal ein Truthahn vor mir herum.
Ich folge weiter der kleinen Gasse. Zahlreiche Stände bieten Gemüse an.
Ganz praktisch, haben in Marokko auch in der Winterzeit Tomaten, Auberginen, Zucchetti und vieles mehr Saison 😉
Eigentlich möchte ich möglichst unauffällig durch den Markt schlendern. Mit meiner Körpergrösse, Hautfarbe und der roten Daunenjacke ist dies allerdings alles andere als leicht, und ich dürfte sofort als Tourist erkannt werden. Da hilft es auch nicht viel, wenn ich die Leute mit Salam aleikum auf arabisch grüsse…
Von den zahlreichen Markständen beziehungsweise Läden faszinieren mich die marokkanischen Metzgereien am meisten. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass die Tiere direkt auf der Gasse auseinandergenommen werden, die Stücke ungekühlt gelagert und verkauft werden. Das Fleisch sollte daher vielleicht besser durchgebraten als noch rosé sein. Glücklicherweise wird die Tajine jeweils mehrere Stunden gekocht.
Neben Lebensmittel werden allerhand Produkte und Services angeboten. Auch eine Velowerkstatt kann ich auffinden. Allerdings sind es eher Drahtesel als Rennräder, welche in der Werkstatt stehen und repariert werden.
Zum Glück hat mein ARC8 Eero bislang keinen Defekt erlitten. So kann ich nach eindrücklichen Tagen in Essaouira meine Fahrt fortsetzen und Kurs Richtung Marrakesch nehmen.
2 Kommentare
Lieber Flurin,
Einmal mehr wieder interessante Fotos von einer pulsierenden Stadt am Mittelmeer. Herzlichen Dank!
1959 – ich war damals 20 Jahre alt besuchte ich Tunesien mit den Städten Tunis, Gafsa und Gabes. Ähnliche Bilder brachte ich von dieser Reise zurück. Der Anflug vom Flughafen in Tunis mit einer Propeller-Maschine der SWISSAIR war spektakulär. Der Pilot meldete uns Passagiere: «Jetzt wird dann das Licht gelöscht im Flughafengebäude, dafür wird die Landepiste beleuchtet. Beides sei nicht möglich!»
Wie ich lese erwartet Dich eine interessante Arbeit bei Hintermann + Weber – good luck!
Liebe Grüsse: Hanspeter
Lieber Hanspeter
Vielen Dank für deinen Kommentar! Das war sicher auch sehr faszinierend und damals noch ohne Google und Internet garantiert einiges abenteuerlicher.
LG Flurin